Leseproben
Aufbruch
Die Sonne brannte am 14. August 1989 aus einem wolkenlosen Himmel, so, wie sie es schon seit Wochen tat, und der Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Zusammen mit meinem Freund Heiko kämpfte ich mich durch die Massen von Menschen, die sich auf Bahnsteig 12 des Dresdner Hauptbahnhofs Lebewohl sagten. Ein prächtiger alter Bahnhof, der die englischen Bomben der letzten Kriegstage des Zweiten Weltkriegs relativ unbeschadet überstanden hatte und sogar die Abrissbirnen der Kommunisten.
Was an architektonischen Schätzen Dresdens von den Bomben im Zweiten Weltkrieg übriggelassen wurde, ließ die Führung verkommen oder machte es einfach dem Erdboden gleich, um anschließend sozialistische Neubauten darauf zu errichten. Die Altstadt Dresdens war damals, und ist es auch heute noch an vielen Stellen, ein in Beton- und Plattenbauten gegossener, trauriger Zeuge sozialistischer Monotonie jener Zeit.
Wie alle Bahnhöfe auf der Welt ist auch der Dresdner ein Ort des Willkommens- und des Aufwiedersehensagens. Ein Ort der Freude und des Schmerzes, ein Ort alltäglicher Routine und ein Ort für den Beginn oder das Ende einer Reise. All das zusammen war dieser Bahnhof auch für mich damals. Ich musste still auf Wiedersehen sagen und brach in ein neues Leben auf.
Mein Begleiter wusste davon noch nichts, und ich wusste nicht, wie ich es ihm beibringen sollte. Heiko freute sich einfach auf zwei Wochen Urlaub in Ungarn, weit weg von unseren Eltern, weit weg von den Zwängen unseres Alltags. Zwei Wochen Flucht aus der Enge unserer Stadt, aus der Enge unseres normalen Lebens. Zwei Wochen, in denen wir tun und lassen konnten, was wir wollten. Erwachsensein auf Probe sozusagen. Frei wie zwei Spatzen, die wild mit den Flügeln flattern.
Frühmorgens waren wir von Plauen nach Dresden aufgebrochen. Das Gewicht des Rucksacks auf meinem Rücken zog mich nach hinten..
Die Entscheidung
Die Entscheidung, dass ich mein Glück über Ungarn versuchen würde, fiel am 27. Juni 1989. An diesem 27. Juni zerschnitten Ungarns Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock medienwirksam und symbolisch den eisernen Vorhang an der Grenze zwischen Klingenbach auf der österreichischen Seite und Sopron in Ungarn.
Die Bilder der Tagesschau waren eine Sensation. Wir trauten unseren Augen nicht. Welcher Mut dieses Ungarn! Gyula Horn nahm einfach eine Eisenscheere und schnitt ein Loch in den Zaun, der Welten voneinander trennte, Familien zerriss und so vielen Menschen das Leben gekostet hatte. Und dieser Mann ging einfach hin und zerschnitt ihn. Warum um alles in der Welt kam nicht schon früher einer auf diese großartige Idee?
Meine Eltern und ich saßen gerade beim Abendessen in unserem Wochenendhaus in Trieb, etwas außerhalb von Plauen ...
Ungarn
Als ich am nächsten Morgen langsam erwachte und die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht streichelten, empfing meine Nase einen Geruch, der nicht ins Bild passen wollte. Kaffee! Meine Nase transportierte den Geruch von heißem Kaffee zu meinem Gehirn, das mir unverzüglich meldete: AUFWACHEN! Mit einem gewinnenden Lächeln hielt mir Heiko einen Becher Kaffee unter die Nase. „Guten Morgen, wie kann man nur im Sitzen so fest schlafen.“ Etwas erschrocken über meinen tiefen Schlaf griff ich nach dem heißen Kaffeebecher und lächelte. „Ich habe geschlafen wie ein Stein“, antwortete ich, noch immer etwas benommen. Den dunklen Rändern unter seinen Augen zufolge hatte Heiko nicht annähernd so gut schlafen können wie ich. „Ich habe kein Auge zugetan“, setzte er mir vorwurfsvoll entgegen, als ob ich schuld wäre daran, weil ich so entspannt in seinem Sitz fallen ließ. „Ich bin müde, vielleicht hilft der Kaffee“, schnaufte er. Ich hingegen fühlte mich wie elektrisiert. Wie ein Akku, der frisch aufgeladen darauf wartete, zum Einsatz zu kommen. Nur in meiner Hose drückte irgendetwas unangenehm.
Mein Schatz! Den hatte ich fast vergessen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wollte ich ihn erst entfernen,
wenn wir in Ungarn waren. ...
Das Gespräch
Zwei quälende Tage lagen bereits hinter mir, seitdem Heiko abgereist war. Zwei Tage, in denen ich mich einsam wie nie zuvor in meinem Leben fühlte und Viktor sich nicht gemeldet hatte. Zu Hause musste es sich schon herumgesprochen haben, dass ich in Ungarn geblieben war. Heiko versprach mir, niemandem von meinem Vorhaben zu erzählen, aber man brauchte in diesen Tagen nicht viel Fantasie, um zu wissen, was es bedeutete, wenn jemand seinen Ungarnurlaub „verlängerte“.
Einmal hatte ich mit meinen Eltern telefoniert, aber in diesem Gespräch durfte ich nur die verabredeten Worte benutzen. Mir geht es gut. Ich bleibe noch etwas. Macht euch keine Sorgen. Also alles, was unverfänglich war und meine Eltern und auch mich nicht unnötig in Gefahr bringen konnte. ...
... Die Hauptstraße zum Dorf war wie ausgestorben. Kein Mensch, kein Auto, nicht einmal ein Vogel oder ein kläffender Hund waren zu hören. Nur ich und diese sengende Hitze. Ich überquerte gerade den Bahnübergang, da fiel mir auf einmal wieder ein, dass ich noch nie oben in der kleinen Kirche war, die direkt geradeaus vor mir auf dem Hügel stand.
Je näher ich ihr kam, umso stärker wurde der Wunsch, den steilen Weg mit seinen abgetretenen Stufen hinaufzusteigen. Sie schienen mich anzuziehen, ja fast zu rufen. Mit jeder Stufe, die ich den Berg erklomm, vergaß ich die Welt um mich herum. Als ich von oben auf das Dorf schaute, flimmerte der Asphalt über der Straße in der Hitze, während mir der Schweiß von der Stirn tropfte.
Ich legte meine Hand auf die große eiserne Türklinke, drückte sie behutsam nach unten und mein ganzes Gewicht gegen die Tür. ...
Mein Held
... Der DDR liefen die Menschen zu Tausenden davon. Die eilig eingerichteten Aufnahmelager für die Flüchtlinge im Westen platzten aus allen Nähten. Kein Abend verging in diesem September 89, an dem wir uns nicht verzweifelt fragten, wann das alles in einer riesigen Katastrophe enden würde. Am 30. September 1989 um 18 Uhr 58 trat dann Hans Dietrich Genscher, der deutsche Außenminister, auf den parkseitigen Balkon der Prager Botschaft und sprach die vielleicht wichtigsten Worte auf dem Weg zur Wiedervereinigung.
„Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“, in diesem Moment brach ein tausendfacher Aufschrei in Prag los und die letzten Worte Genschers „… in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist“, gingen im Jubel der glückseligen Menge unter.
Gerhard und ich saßen versteinert vor dem Fernseher, Tränen liefen mir über die Wangen. Ich glaube, dieser Moment in Prag war der emotionalste auf dem langen Weg zur Deutschen Einheit. Noch heute berührt er mich zutiefst. Immer wieder erinnere ich mich daran, wie ich fassungslos die Bilder betrachtete, mein Onkel stumm und ergriffen mir gegenüber. Und so, wie wir unserer Freude über die unerwartete Wende in Prag kaum in Worte fassen konnten, so begannen wir uns im gleichen Moment auch größte Sorgen um die zu machen, die nicht weggehen, nicht in ein neues Leben im Westen aufbrechen wollten. ...
Superlative
Wie schon zur Gewohnheit geworden, ließ ich mich um 20 Uhr von der Tagesschau auf den neuesten Stand der Ereignisse des Tages bringen. Der Nachrichtensprecher, Jo Brauner, wirkte ungewöhnlich gelöst an diesem Abend bei seiner Begrüßung und ließ gleich mit seinen ersten Worten eine Bombe hochgehen.
Ausreisewillige DDR-Bürger müssten nach den Worten von SED-Politbüro-Mitglied Schabowski nicht mehr den Umweg über die Tschechoslowakei nehmen! BOOOM! Ich rieb mir die Augen und wusste im ersten Moment überhaupt nicht, was damit gemeint war. Mein Herz klopfte aufgeregt. Ich suchte die Fernbedienung, um den Ton lauter zu stellen.
Auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin stolperte das System zum letzten Mal über die eigenen Füße. Es dauerte nur noch ein paar Stunden, und Tausende Menschen tanzten auf der Mauer, die zwei Welten und Millionen Menschen voneinander getrennt hatte, die unüberwindbar schien und so vielen Menschen das Leben kostete. ...
Diese sind ein paar wenige Leseproben aus dem Buch SEITENSPRUNG - Eine Wendegeschichte.
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